Lesen und Lesen lassen am Tag des Buches

Poetry Slam

Da war er, der Tag des Buches. Und? Hat’s jemand bemerkt? Einige werden behaupten, dass da ein ganz anderer Tag war, der Tag des deutschen Bieres nämlich.
Stimmt beides. Das Buch ist mittlerweile leider derartig insignifikant geworden, dass man ihm sogar seinen angestammten Tag streitig macht. Und überhaupt! Sind Bücher denn wirklich noch von größerem Interesse? Ich kenne eine nicht gerade kleine Menge von Menschen, die sich über Bücher nur dann Gedanken machen, wenn es um

  1. Sachbücher oder
  2. um eine unkomplizierte Geschenkfindung geht.

Nichts desto weniger fegt gerade ein literarischer Boom über uns hinweg. Ich spreche von der neo-deutschen Wortschöpfung „Poetry Slam“.
Eine Art Offline-Blogger-Szene. Meist in schummrigen Spelunken und vergleichbaren Un-Orten finden sie sich zusammen um ihre auf Papier verfestigten Ergüsse in die johlende Menge zu verklappen. In einer Atmosphäre, welche entfernt an einen Samstagabend im antiken Circus Maximus erinnert, wird um die Gunst der Meute gebuhlt. Versteht mich nicht falsch, ich finde es sehr begrüßenswert, wenn sich die kreative Elite des Landes der Kunst und dem Schreiben widmet. Ich selbst habe den größten Respekt vor dem Schreiben! Allein glauben sie, dass die Fähigkeit schreiben zu können, auch zum Lesen ihrer Texte qualifiziert. Doch dem ist leider nicht so.

In Unkenntnis sämtlicher Dinge, die ein gestaltendes Sprechen zu Ebendem machen, wird gestottert, gelispelt, geleiert, gelangweilt und sich verlesen, was das Zeug hält. Jetzt sollte man meinen, dass ein gebildetes Publikum ein solches Gebaren nicht ungestraft davon kommen ließe…… wir erinnern uns kurz, wo solche Veranstaltungen abgehalten werden und stellen uns daraufhin ernsthaft die Frage, ob ein derartiges Publikum überhaupt an solchen Orten zu finden ist.

Offensichtlich nicht.

Zum Tag des Buches wird jetzt wieder vermehrt öffentlich gelesen. Unter anderem auch von Leuten die genau das können – lesen. Gehen da noch Menschen hin? Ich meine, da geht es um Lyrik, um Metrum, möglicherweise um Versmaß, um die spannende Darbietung einer Geschichte und um den Einsatz von Techniken die eine lange Geschichte trotzdem folgenswert machen. Nicht um die Selbstdarstellung von bewollmützen Hosen-Auf-Halb-Acht-Trägern, die sich gerne selber zuhören und sich bei einem jungen Publikum ein Freigetränk erstammeln.
Ich glaube schon. Allerdings wird es drastische Altersunterschiede zwischen diesen Welten geben.

Die Theorie von Ursache und Wirkung offeriert eine weitere Medaillenseite: Das Publikum. Würden diese Slams nicht ein so großer Renner sein, wären sie nicht bis ins öffentlich-peinliche Fernsehen gekommen.

So bleibt die finale Fragestellung: Hat sich ein qualitätsbewusster Darbieter dem geringeren Anspruch eines Publikums zu unterwerfen?
Wäre ja einfach, wäre auch wesentlich weniger Arbeit.
Oder ist das zumeist jüngere Publikum als Teil der „Generation Zapping“ einfach zu faul, sich auf ein höheres Niveau zu begeben und und bevorzugt daher kurze, knallende Straßen-Prosa? Dann wäre die vermeintliche Bevorzugung von Poetry Slams doch ein versteckter Hilferuf: „Helft einer Generation, die sich selbst nicht mehr helfen kann! Wir sitzen in uns selbst fest und schlafen vorm Fernseher ein. Erlöst uns von der Fernbedieung“.

Genau deshalb sehe ich diese Bewegung nicht als Anstößigkeit, sondern als Aufgabe. In Wahrheit wollen sie wissen wie es geht, sie können es nur nicht artikulieren.

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